Svoboda 1945: Liberation

20. Jahrhundert   Nachkriegszeit

Wie schon das Vorgängerspiel – Attentat 1942 – erinnert Svoboda 1945: Liberation an einen interaktiven Historien-Dokumentarfilm: es gilt die Vergangenheit des fiktiven tschechischen Dorfes Svoboda im Grenzland zu Deutschland zu ergründen. Die Spielenden übernehmen dabei die Rolle eines Beamten des Denkmalschutzes, der im Jahr 2001 festlegen soll, ob das Gebäude der alten Volksschule im Dorf erhalten wird oder nicht. In interaktiven Dialogen und Suchspielen sammeln die Spieler*innen dabei immer mehr Informationen über die schwierige Vergangenheit des Dorfes. Aus Interviews und Dokumenten erfahren Sie zuerst von der Besatzung durch das NS-Regime, von der Vertreibung und Ermordung der jüdischen und tschechischen Bevölkerung. Sie hören Augenzeugenberichte von den unmenschlichen Todesmärsche der KZ-Gefangenen. Und sie erfahren von der gewaltsamen Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung nach dem Krieg sowie schließlich von den Kollektivierungsmaßnahmen durch ein autoritäres kommunistisches Regime. Die Figuren der Dorfbewohner*innen werden hierbei von professionellen Schauspieler*innen gespielt und historische Fotografien und Rückblenden wurden liebevoll gezeichnet, um die Fiktionalität der Erzählung hervorzuheben. Dabei ist das Spiel nicht nur hervorragend historisch recherchierte sondern auch sehr schön umgesetzt.

Wenig Gewalt

Allgemeine Infos

Entwickler: Charles Games

Publisher: Charles Games

Jahr: 2021

Land: Tschechische Republik

Link: Offizielle Webseite

Verfügbar für: Windows, MacOS, Linux

Genre: Adventure

Allgemeine Infos

Entwickler: Charles Games

Publisher: Charles Games

Jahr: 2021

Land: Tschechische Republik

Link: Offizielle Webseite

Verfügbar für: Windows, MacOS, Linux

Genre: Adventure

Zusammenfassung

Wie schon das Vorgängerspiel – Attentat 1942 – erinnert Svoboda 1945: Liberation an einen interaktiven Historien-Dokumentarfilm: es gilt die Vergangenheit des fiktiven tschechischen Dorfes Svoboda im Grenzland zu Deutschland zu ergründen. Die Spielenden übernehmen dabei die Rolle eines Beamten des Denkmalschutzes, der im Jahr 2001 festlegen soll, ob das Gebäude der alten Volksschule im Dorf erhalten wird oder nicht. In interaktiven Dialogen und Suchspielen sammeln die Spieler*innen dabei immer mehr Informationen über die schwierige Vergangenheit des Dorfes. Aus Interviews und Dokumenten erfahren Sie zuerst von der Besatzung durch das NS-Regime, von der Vertreibung und Ermordung der jüdischen und tschechischen Bevölkerung. Sie hören Augenzeugenberichte von den unmenschlichen Todesmärsche der KZ-Gefangenen. Und sie erfahren von der gewaltsamen Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung nach dem Krieg sowie schließlich von den Kollektivierungsmaßnahmen durch ein autoritäres kommunistisches Regime. Die Figuren der Dorfbewohner*innen werden hierbei von professionellen Schauspieler*innen gespielt und historische Fotografien und Rückblenden wurden liebevoll gezeichnet, um die Fiktionalität der Erzählung hervorzuheben. Dabei ist das Spiel nicht nur hervorragend historisch recherchierte sondern auch sehr schön umgesetzt.

Erinnerungskulturelle Einordnung

 

Autor: Eugen Pfister

Vermittlungspotential

Zeitaufwand

Komplexität

Erinnerungskulturelle Bedeutung

Svoboda 1945: Liberation wurde von Charles Games als Serious Game entwickelt, das heißt, es ging den Entwickler*innen bewußt darum mittels eines Spiels eine nach wie vor umstrittene Periode der tschechischen, eigentlich deutsch-tschechischen und tschechisch-österreichischen Geschichte aufzuarbeiten. Im Zentrum dieser Geschichte stehen gleich mehrere gewaltvolle Vertreibungen: erst die Flucht der jüdischen und tschechischen Bevölkerung vor den deutschen Besatzern, dann die Internierung und Ermordung von KZ-Gefangenen in den letzten Kriegsmonaten. Daran anschließend thematisiert das Spiel die gewaltvolle Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung sowie die bisher wenig beachtete Umsiedlung der Volhynien-Tschech*innen aus der heutigen Ukraine in die damalige CSSR. Wie schon beim Vorgängerspiel Attentat 1942 bekommen diese Themen sehr gekonnt dank persönlicher Biografien ein menschliches Antlitz. Die (wenigen) Minispiele helfen die Geschichte auch spielmechanisch zu kommunizieren: In einem vereinfachten Landwirtschaftssimulator lernen Spieler*innen etwa wie es Bauern im Kommunismus durch zunehmend hohe Abgaben unmöglich gemacht wurde, eigenständig zu bleiben. Dabei ist das Spiel nach wie vor auch im Vergleich zu anderen Medien eine Ausnahme, da die Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung in der Populärkultur bisher nur sehr selten erzählt wurde.

Diskussionspunkte

Allein die Wahl des Themas „Enteignung und Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung“ birgt schon in sich eine Kontroverse, da diese Geschichte weder in der tschechischen Republik, noch in Deutschland oder Österreich wirklich intensiv aufgearbeitet wurde. Lead Designer Vít Šisler war sich der zeithistorischen Bedeutung des Themas wohl bewusst: In einem Interview mit Radio Prague International am 01.06.2021 erklärte er, dass er das Spiel für noch relevanter als den Vorgänger Attentat 1942 halte, vor allem auch wegen der moralischen Ambiguität des Themas. In Deutschland und Österreich kommt es nach wie vor zu politischen Forderungen nach Aufhebung der sogenannten „Beneš-Dekrete“, welche u.a. den Verlust der tschechoslowakischen Staatsbürgerschaft sowie auch der gesellschaftlichen Stellung (Enteignung des Eigentums) der deutschen und ungarischen Minderheit regelte. Moralisch bedenklich ist dabei potenziell die im Spiel stattfindende Gegenüberstellung von NS-Verbrechen und den Verbrechen an der deutschsprachigen Bevölkerung. Dies wird aber im Spiel selbst auch angesprochen. So kann man eine zurückgekehrte Deutsche in einem Interview fragen, ob es überhaupt moralisch zulässig sein kann die Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung hier dem rassistischen Massenmord des NS-Regimes gleichzustellen. Die Befragte verneint das vehement, ihr ist es alleine wichtig auch an Verbrechen zu erinnern, die nach dem Krieg stattgefunden haben. Insgesamt geht das Spiel somit sehr verantwortungsvoll mit Geschichte um: verschiedene Perspektiven ergänzen einander ohne jemals in Whataboutism zu verfallen, kollektive Verletzungen und Traumata werden anerkannt aber nicht gegeneinander aufgerechnet.

Einsatzmöglichkeiten

Das Spiel eignet sich grundsätzlich sehr gut für den Einsatz zur Vermittlung einer kontroversen und zugleich hochgradig relevanten Zeitgeschichte im Unterricht an Schulen und Universitäten, aber auch anlässlich von Ausstellungen und Workshops. Es ist sehr gut recherchiert und nutzt geschickt filmische Codes um auch mittels Emotionen eine multiperspektivische aber zugleich nicht beliebige Geschichte zu erzählen. Hier könnte das Spiel auch einen wertvollen Beitrag zum Abbau nach wie vor virulenter Ressentiments in Österreich, Deutschland, der tschechischen Republik, der Slowakei und Ungarn beitragen. Aus diesem Grund kann man den aufklärerischen Wert des Spiels gar nicht hoch genug einschätzen.

An manchen Stellen steht sich das Spiel durch seine Spielmechanik jedoch dabei selbst im Weg. Als mehr oder weniger interaktiver Film mit wenigen Minispielen ist Svoboda 1945: Liberation vor allem für Einzelspieler*innen konzipiert, weshalb sich das Spiel nur bedingt für das gemeinsame (kritische und reflexive) Spielen eignet. Für einen Spieldurchgang müssen dabei ca. 2-3 Stunden eingerechnet werden. Ergänzend bietet das Spiel eine kleine Enzyklopädie, deren Einträge sukzessive freigespielt werden müssen.

Insgesamt bietet das Spiel mit seiner Kombination von fiktionalen interaktiven Interviews, Archivaufnahmen und Originaldokumenten einen konzisen, narrativ überzeugend argumentierenden Einblick in die Geschichte der tschechischen Grenzländer in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Schließlich hilft auch die Erinnerung an die unmittelbaren historischen Flucht- und Vertreibungserfahrungen in unseren Ländern im 20. Jahrhundert aktuelle gewaltbedingte Migrationen in einem historischen und geographischen Kontext besser nachvollziehen zu können.

ÜBER DEN AUTOR:

Eugen Pfister ist Historiker und Politikwissenschaftler. Er beschäftigt sich mit der Ideengeschichte von digitalen Spielen und leitet das SNF Sinergia Projekt „Confederatio Ludens: Swiss History of Games, Play and Game Design 1968-2000“.

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Zitierempfehlung

Pfister, Eugen. „Svoboda 1945: Liberation“. Datenbank Games in der Erinnerungskultur. Stiftung Digitale Spielekultur, 31.05.2022. [URL], zuletzt aufgerufen am: [Datum]

Weiterführendes Material

Rainer Sigl, "Damals nach dem Krieg. Svoboda 1945", in: fm4.orf.at, 17.08.2021. [https://fm4.orf.at/stories/3017205/]

Barbara Coudenhove-Kalergi and Oliver Rathkolb (Ed.), Die Benes-Dekrete. Wien 2002.

Jan Křen, Die Konfliktgemeinschaft: Tschechen und Deutsche 1780–1918

Niklas Perzi, Hildegard Schmoller, Ota Konrád, and Václav Šmidrkal (Ed.), Nachbarn. Ein österreichisch-tschechisches Geschichtsbuch. Weitra 2019

Lukáš Novotný, Vergangenheitsdiskurse zwischen Deutschen und Tschechen. Untersuchung zur Perzeption der Geschichte nach 1945 (= Extremismus und Demokratie. Bd. 19). Baden-Baden 2009


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