Die Kartons sind gepackt, Schreibtisch, Matratze und Co. stehen vor dem Umzugswagen bereit. Unvermittelt schleicht sich ein allseits bekanntes Musikstück in mein Ohr. Die Tetris-Melodie werde ich für Stunden nicht mehr los…

Die Melodie des russischen Volksliedes „Korobeiniki“ hat sich im 8-bit-Gewand tief in die Computerspielkultur eingeschrieben. Ohne ihren einzigartigen Sound wären die Computerspielklassiker dieser Ära wohl nie so erfolgreich geworden. Super Mario Bros. (Nintendo, 1985) ohne das befriedigende „Kaching” beim Aufsammeln der Geldstücke oder ohne den unverkennbaren „Jump“-Sound? Undenkbar!

Der Sound eines Spiels trägt zu einem großen Teil zur Spielfreude bei, denn er schafft Atmosphäre und Immersion. Darüber hinaus dienen Soundsignale als zusätzliches Interface, das den Spieler_innen mitteilt, wo ihre Aufmerksamkeit vonnöten ist. Viele Action- und Rollen-Spiele nutzen die auditive Dimension, um vor bedrohlich knappen Lebenspunkten zu warnen, und in Simulationen erfährt man durch Soundsignale von Ereignissen, die außerhalb des Gesichtsfeldes stattfinden.

Original Tetris theme (Tetris Soundtrack), Marcel S, 2008

Unterscheiden kann man zwei Arten von Spiel-Audio: „Interaktives Audio“ reagiert auf den direkten Input der Spieler_innen. Dazu gehören Bewegungsgeräusche oder Geräusche beim Öffnen des Inventars oder beim Benutzen eines Gegenstandes. „Adaptives Audio“ hingegen reagiert auf den Status des gesamten Spiels, also nur indirekt auf den Input der Spieler_innen. Darunter fällt die Hintergrundmusik, die bei den meisten Spielen nicht direkt beeinflussbar ist.

Random chiptune mix 27, Krelez, 2016

Ton und Bild verschmolzen erst im späteren Verlauf der Computerspiele-Geschichte zu einem kohärenten Spielerlebnis. Karen Collins, Pionierin der akademischen Beschäftigung mit Game Sound, schreibt: „in the early stages of […] games, music was more of an accompaniment than a true integration with the image.“ Während zu Beginn der Computerspiel-Ära noch die Programmierer_innen selbst für das Audio ihres Spiels zuständig waren, haben sich heute zahlreiche Aufgabenbereiche ausdifferenziert, wie das Komponieren, das Sounddesign, die Audio-Programmierung und das Synchronisieren (Voice Acting). Spielemusik ist zudem zu einem eigenen Genre avanciert. Chiptune-Musik experimentiert mit den computergenerierten Piepstönen, die die Sound-Ästhetik der frühen Klassiker ausmacht. Musik in Computerspielen beeinflusst Film- und Popmusik, Fans können sich Soundtracks auf CD oder als MP3-Album kaufen und sogar klassische Orchester führen sie auf.

Dennoch sind Studiengänge für Game Audio an deutschen öffentlichen Universitäten spärlich gesät. Während es beispielsweise an der HAW Hamburg einen entsprechenden Masterstudiengang gibt, haben Studienanfänger_innen in Deutschland schlechte Aussichten. Jonathan Howe ist daher ins niederländische Enschede gezogen und studiert dort Media Music mit Schwerpunkt Film und Games. Im nächsten Teil gewährt er uns praktische Einblicke in die Produktion von Musik für Computerspiele.

Jonathan Howe Portfolio 2016, Jonathan Howe, 2016