Die Musik ist ein hochgeschätztes Kulturgut und neben Malerei und Plastik, vielleicht eine der ältesten Ausdrucksformen menschlich kreativer Tätigkeit. Zahlreiche Auszeichnungen, ganze Existenzen und eine milliardenschwere Industrie existieren heutzutage und hängen von dem Notenspiel ab. Doch von Spiele-Soundtracks ist dabei selten die Rede.

Obwohl digitale Spiele oft orchestrale Soundtracks, eingängige Melodien und viele Stunden an Vertonung beinhalten, befinden sie sich in der öffentlichen Wahrnehmung geradezu außerhalb des klassischen Begriffs „Musik“. Spätestens seit der Nominierung des Soundtracks von „Journey“ für einen Grammy-Award in der Kategorie „Best Score Soundtrack for Visual Media“ im Jahr 2012 ändert sich dies allerdings Schritt für Schritt. Plötzlich erhielt das Medium eine ihm lange vorenthaltene Anerkennung und Komponist Austin Wintory befand sich in derselben Kategorie mit Industrieveteranen wie Hans Zimmer, John Williams und Howard Shore. Das vielleicht erste Spiel mit musikalisch orchestraler Qualität war ausgerechnet ein Vertreter des Ego-Shooter-Genres, Medal of Honor. Kaum verwunderlich, es wurde analog zum Film „Der Soldat James Ryan“ entwickelt und in Zusammenarbeit mit Steven Spielberg produziert.

Es ist diese qualitative Güte, die es Spielen erlaubt hat, aus der  Fremdzuschreibung als banales Kinder- oder gefährdendes Killerspiel, auszubrechen. Die Verfechter des Mediums sehen in ihm ein wertvolles und schützenswertes Kulturgut (darunter auch der Deutsche Kulturrat), das es mit den klassischen Produktionen aufnehmen kann. Einer dieser Bereiche, in denen die Branche dies demonstriert, ist daher die Musikkomposition.

Das Projekt Video Games Live steht genau unter dieser Prämisse. Von den Spiele-Komponisten Jack Wall (u.a. Mass Effect, Call of Duty) und Tommy Tallarico (u.a. Prince of Persia, Advent Rising) gegründet, tourt die Konzertserie um die ganze Welt, um mit hochrangigen Orchestern und Chören vor Live-Publikum die Hochwertigkeit von Spiele-Soundtracks zu beweisen. Kombiniert werden die Vorführungen mit Videosequenzen aus den dazugehörigen Spielen sowie interaktiven Sequenzen und witzigen Einspielern aus der Branche.

Am 29.03.2015 war Video Games Live mit den Prager Philharmonikern inklusive Chor im Tempodrom in Berlin. Niels Boehnke und Carolin Wendt waren vor Ort, um sich persönlich einen Eindruck zu verschaffen. Dirigiert wurde von Russell Brower, Audio Director und Komponist des Entwicklers Blizzard, der an dem Abend auch ein eigenes Stück aus dem WoW-Addon Warlords of Draenor präsentierte. Zusätzlich war als Special Guest und Solo-Sängerin Jillian Aversa vor Ort, die auch bei dem beliebten Projekt „Overclocked Remix“ mitwirkt.

Brower eröffnete den Abend mit einigen einführenden Worten – dass er stolz sei, bei Video Games Live mitwirken zu können und dass sie gemeinsam vor allem zwei Ziele verfolgen würden:

1)      Junge Menschen wieder in die klassische Symphonie zu locken und

2)      Einen generationenübergreifenden Abend zu gestalten, an dem alle gemeinsam die musikalische Vielfalt der Spielebranche feiern und Spaß haben.

Beide Ziele können, zumindest für diesen Abend, als erfüllt angesehen werden. Von Kindern über Jugendliche bis hin zu Senioren waren alle Altersklassen zahlreich vertreten.  Zu sehen waren Pärchen, Freundesgruppen und ganze Familien. Zu Carolins Rechten saßen etwa zwei Mittdreißiger im Anzug, die gemeinsam in den Pausen über die Gefühle sprachen, welche die Spielesequenzen bei ihnen ausgelöst hätten und die Ankündigung des Soundtracks vom Adventure-Klassiker „Monkey Island“ mit dem Ausruf: „Na endlich, der Sound meiner Jugend“ quittierten.

Zu ihrer Linken saßen Mutter und Vater, um die 70 Jahre, mit ihren drei erwachsenen Kindern. Die Mutter, welche nach eigener Aussage die Musik und die Begeisterung ihrer Kinder für Spiele liebt, ohne jemals selbst gespielt zu haben, bezeichnete das Intro zu Super Mario Bros. als Beginn einer langjährigen Faszination. Ihr Sohn präsentierte unterdessen seine Gänsehaut, die die Musik von Metal Gear Solid bei ihm auslöste.

Insgesamt war die Stimmung ausgelassen und fröhlich. Das Publikum johlte, klatschte und feierte bis zum Ende des Konzerts, welches nach etwa zwei Stunden unter lautem Applaus endete. Die Musikauswahl bildete das weite Spektrum der Spielelandschaft ab, von alten Klassikern wie Sonic und Tetris, über Titel aus The Legend of Zelda, God of War und Mass Effect, bis hin zu Fanfavoriten wie Dragonborn aus The Elder Scrolls: Skyrim und dem opulenten Liberi Fatali aus Final Fantasy VIII. Auch der eingangs erwähnte Soundtrack zu Journey wurde vom Orchester mit routinierter Exzellenz dargeboten. Insgesamt war also für jedes Alter und für Fans jeglicher Genres etwas im Arrangement vertreten.

Ein Wermutstropfen dieser Veranstaltung war, dass Co-Gründer Tommy Tallarico, der normalerweise Einsätze auf der E-Gitarre spielt, nicht anwesend war. Somit wurden viele beliebte Lieder, die sonst zum Standardrepertoire des Konzerts gehören (etwa das Thema von Halo oder Still Alive aus Portal)  nicht gespielt. Auch andere beliebte Soundtracks, etwa aus Battlefield 1942 oder dem Chrono Trigger-Universum fehlten an diesem Abend.

Dies kann und sollte jedoch eindeutig als positives Zeichen gedeutet werden. Die Spielebranche hat mittlerweile so viel Stoff geliefert, dass es auf höchstem Niveau abendfüllende Orchester-Aufführungen ausfüllen kann und jedem Fan danach noch wenigstens ein Dutzend Stücke einfallen, die er auch gerne gehört hätte.

Die Kunst aus digitalen Spielen auf diese Art und Weise für alle Generationen erfahrbar zu machen, ist ein Projekt, dass uns alle einen Schritt näher zum Ziel bringt, Spiele als das zu begreifen, was sie sind: Kultur des 21. Jahrhunderts.