Dr. Sigrid Fahrer von der Stiftung Lesen war bei uns zu Besuch und hat uns von ihrer Arbeit erzählt. Neben zahlreichen anderen Projekten, beschäftigt sie sich auch mit der Frage, wie sich über die Beliebtheit digitaler Spiele die Lust am Lesen und darüber die Lesekompetenz fördern lässt.

 

Die Stiftung Lesen versteht sich als Anwalt für Lese- und Medienkompetenz in Deutschland mit dem Auftrag, sich für die Verbesserung der programmlichen und finanziellen Rahmenbedingungen für Leseförderung und Medienkompetenz einzusetzen.

Die Stiftung Lesen versteht sich als Anwalt für Lese- und Medienkompetenz in Deutschland mit dem Auftrag, sich für die Verbesserung der programmlichen und finanziellen Rahmenbedingungen für Leseförderung und Medienkompetenz einzusetzen.

Ziel der Stiftung Lesen ist es bekanntlich, die Freude am Lesen zu wecken und Lesekompetenz zu vermitteln. Wie erreicht sie das?

„Wir versuchen mit unseren Projekten niedrigschwellige Zugänge zum Lesen für alle Bevölkerungsgruppen zu schaffen. Wir setzen dabei vornehmlich bei der Lesefreude an, möchten mit unseren Aktionen und Projekten die Lust am Lesen wecken und die Lesemotivation verstärken. Lesemotivation und Lesekompetenz sind zwei Seiten einer Medaille und bedingen sich gegenseitig. Wer Lust am Lesen hat, der kann auch besser lesen. Und wer besser lesen kann, hat auch mehr Lust am Lesen. Man kann also bei jeder der beiden Seite ansetzen. Mit unseren Programmen und Projekten, die sich am „Lebenslauf des Lesens“ orientieren, tun wir dies verstärkt bei der Lesefreude.

 

Wie lässt sich am besten Leselust wecken?

Unsere Vorlesestudien verdeutlichen immer wieder, dass Vorlesen wichtig für die Leselust ist. Sie zeigen, dass Kinder, denen vorgelesen wurde, auch als Erwachsene gerne lesen. Das bedeutet: Lesen hat von Anfang an eine enorm wichtige Bedeutung in der Familie. Damit dies gelingt, unterstützen wir Familien z. B. mit der Kampagne „Lesestart – Drei Meilensteine für das Lesen“, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert wird.
Es sollten sich zu Hause alle für das Vorlesen einsetzen – auch die Väter, die sich dabei sonst eher zurückhalten. Wie versuchen sie mit unserem Projekt „Mein Papa liest vor“ zu motivieren, ihren Kindern ein Lesevorbild zu sein und vorzulesen.

 

An wen richten sich Ihre Projekte sonst noch? Wer sind Ihre Verbündeten bei der Leseförderung?

Natürlich sind Multiplikatoren unverzichtbar für die Leseförderung. Sie unterstützen wir mit unterschiedlichen Angeboten, wie dem „Netzwerk Vorlesen“, das sich an Vorleseinitiativen wendet oder dem Lehrerclub der Stiftung Lesen, der Aktionen und Materialien für Lehrkräfte aller Schultypen anbietet.
Und natürlich ist jeder einzelne herzlich eingeladen, sich zu engagieren. Beim Bundesweiten Vorlesetag z.B. folgen sehr viele diesem Aufruf: In diesem Jahr haben sich mehr als 80.000  Menschen daran beteiligt!

 

CC0 Martouf 2010. Neue Technologien lassen auch das Lesen nicht unangetastet. Zur Orientierung innerhalb dieses neuen Kosmos digitaler Möglichkeiten gibt die Stiftung Lesen zum Thema "Digitales Lesen" Empfehlungen für Apps und E-Books heraus.

CC0 Martouf 2010. Neue Technologien lassen auch das Lesen nicht unangetastet. Zur Orientierung innerhalb dieses neuen Kosmos digitaler Möglichkeiten gibt die Stiftung Lesen zum Thema „Digitales Lesen“ Empfehlungen für Apps und E-Books heraus.

Welches dieser Projekte ist besonders erfolgreich bzw. worauf ist die Stiftung Lesen besonders stolz?

„Ich denke, dass uns auszeichnet, dass wir immer wieder versuchen neue Wege zu finden, um möglichst viele Menschen zu erreichen. Bei der Bücheraktion im Happy-Meal, bei der die Stiftung Lesen McDonald’s unterstützt hat, haben Kinder aus jeder dritten Familie in Deutschland ein Buch erhalten. Die Begleitstudie zeigt, dass die Bücher sehr gut ankamen und gleich vor Ort und zu Hause angeschaut wurden.“

 

Empfindet die Stiftung Lesen das Lesen immer als wertvoll unabhängig vom Inhalt oder gibt es bestimmte inhaltliche Präferenzen bei der Leseförderung?

„Jede Zielgruppe braucht ihr eigenes Lesemedium. Einem Jungen, der nicht so gerne liest, würde ich etwas ganz anderes empfehlen als einem Mädchen, das sehr gerne liest. Den Jungen könnte man z.B. für eine Fußballzeitschrift begeistern.
Es kommt also einerseits auf die Zielgruppe an, anderseits aber auch auf die Situation. Wo wird gelesen? Zu welchem Zweck? Das lässt sich gut am digitalen Lesen darlegen: Unsere Studien zeigen, dass digitale Medien von den Eltern gerne ergänzend zum Buch eingesetzt werden. Beim Zu-Bett-Geh-Ritual nutzen Eltern das Tablet nicht so gerne. Das ist nicht so gemütlich wie das Vorlesen mit dem Buch. Aber auf Reisen oder im Wartezimmer werden gerne Geschichten-Apps eingesetzt, die auch spielerische Komponenten haben.“

 

Wie verhält es sich mit anderen popkulturellen Medien wie Comics? Können die zur Leseförderung eingesetzt werden?

„Absolut! Comics sind gut geeignet, um Leselust bei Kindern zu wecken, die sonst wenige Berührungspunkte mit dem Lesen haben – vielleicht sogar Berührungsängste vor dem Buch. Viele Nicht-Leser sehen Lesen als eine eigene Kultur, zu der sie sich nicht zugehörig fühlen oder mit der sie nichts zu tun haben wollen, da sie mit Schule und Notendruck verbunden ist. Comics können hier einen ersten Zugang schaffen und vielleicht sogar in einem zweiten Schritt eine Brücke zum Lesen schlagen: Sie sind keine klassische Schullektüre, sie haben ein ganz anderes Image, sind cooler.“

 

Wie sieht es mit geplanten Projekten aus? Gibt es noch Bereiche, die die Stiftung Lesen zwar identifiziert, aber noch nicht abgedeckt hat?

„Der digitale Bereich ist für uns gerade in dieser Hinsicht am wichtigsten. Wir haben seit dem Frühjahr 2014 auf unserer Website die Rubrik „Digitale Lesewelten“, in der wir unterschiedliche Angebote rund um das Lesen in und mit den digitalen Medien bündeln. Dort legen wir auch die Standpunkte der Stiftung Lesen zum digitalen Lesen dar: Wir beziehen klar Position und sehen, dass die digitalen Medien das Lesen fordern und fördern. Die Ergebnisse der Fachtagung „Digitale Medien – Chancen für das Lesen“, die wir am 25. November 2014 veranstaltet haben, bestärken uns darin: Die digitalen Medien schaffen eine Fülle an innovativen und zeitgemäßen Zugängen zum Lesen.“

 

Die Stiftung Digitale Spielekultur vertritt ja ein digitales Medium, das auf den ersten Blick nicht so viel mit dem Lesen zu tun hat. Gibt es Ihrer Meinung nach verbindende Elemente zwischen Lesen und digitalen Spielen?

„Bücher und digitale Spiele können Geschichten erzählen. Das kann ein „Verkaufsargument“ für Bücher in der Gruppe sein, die digitale Spiele cool findet, aber nicht so gerne liest. Für sie könnten auch Bücher zu Spielen interessant sein wie „Minecraft. Das Einsteiger-Handbuch. Aller Anfang ist ein Block“.
Manche digitalen Spiele erfordern auch Lesekompetenz beim Lesen von Anweisungen oder Dialogen. Das tolle an den digitalen Spielen ist ja, dass man ein direktes Feedback bekommt, ob man das Gelesene auch richtig verstanden hat. Hat man sich „verlesen“, kann das zu unter Umständen dazu führen, dass man im Spiel vielleicht nicht mehr weiterkommt.

Letztlich sind Lesemedien und digitale Spiele beides Medien, für deren Nutzung ein gewisses Maß an Medienkompetenz nötig ist. Es muss z. B. klar sein, dass Mediennutzung einen Anfang und ein Ende haben muss. Das gilt für digitale Spiele genauso wie für Bücher. Wir würden uns Sorgen machen, wenn ein Kind den ganzen Tag nur liest, statt auch mal andere Hobbies und Aktivitäten zu verfolgen.“

 

Passend zu diesem Interview gibt es auf der Seite der Stiftung Lesen ein Gegeninterview von Benjamin Rostalski.