Ein Gastbeitrag von Dr. Christian Vogler

Die neue Plattform COSMOS der Universität Basel möchte Online-Spiele nutzen, um wissenschaftlich nützliche Tests in Psychologie und Kognitionsforschung mit den Spieler*innen zu machen, die nicht nur nicht wehtun, sondern sogar Spaß machen. Die Ergebnisse sind dabei auch für die getesteten Spieler*innen einsehbar. Nun suchen die Schöpfer der Plattform nach weiteren Wissenschaftler*innen, die unterhaltsame Spiele zur Datenerhebung nutzen möchten.

Digitale Spiele waren ursprünglich zum reinen Unterhaltungszweck gedacht, haben sich mittlerweile aber zu einem neuen Kulturgut weiterentwickelt und ausgewachsen. Der Rahmen des digitalen Spiels wird beispielsweise genutzt, um Lerninhalte auf angenehmere Weise zu vermitteln, um im E-Health-Bereich die Motivation für gesundheitsdienliche Verhaltensänderung zu unterstützen oder um Szenarios zu schaffen, die es einem erlauben, in völlig andere Erfahrungswelten einzutauchen und dadurch die Fähigkeit zur Übernahme anderer Perspektiven zu schulen.

Inzwischen werden mehr und mehr Möglichkeiten für die Anwendung digitaler Spiele in der wissenschaftlichen Forschung erkannt. Spiele erlauben die Simulation einer Vielzahl von Erfahrungswelten und Situationen. Gleichzeitig gestatten sie die automatische Erfassung der Reaktionen der Spieler*innen. Diese Kombination macht digitale Spiele zu einem kosteneffizienten und potenten Werkzeug für die Erforschung menschlichen Verhaltens.

Das Forschungsprojekt COSMOS (Cognitive Science Metrics Online Survey) der Universität Basel folgt diesem Ansatz und nutzt Online-Spiele für die Wissenschaft. In enger Kooperation mit der Fachhochschule Nordwestschweiz wurden hierzu Spiele entwickelt, die verschiedene kognitive Prozesse erfassen können und eine vielversprechende Ergänzung für das psychologische Test-Instrumentarium darstellen. Momentan befindet sich das Projekt mit den ersten vier Spielen, die Aufmerksamkeit, Arbeits- und Kurzeitzeitgedächtnis, Reaktionsgeschwindigkeit und Impulskontrolle messen, in der Pilotphase. Die neu entwickelten Tests werden aktuell normiert und evaluiert.

Die auf die Erfassung von Kognition ausgerichteten Games bieten neben dem Testen auch die Möglichkeit, die dafür benötigten Fähigkeiten gleichzeitig zu trainieren. Das ist zumindest das Konzept einer Vielzahl von Anbietern von sogenannten Brain Training-Websites, die damit werben, dass man, mit Hilfe von häufig sehr einfach konzipierten Spielen, die Leistungsfähigkeit des Hirns steigern oder im Alter zumindest erhalten könne. Der Brain Training Markt soll bis zum Jahr 2021 auf ein Volumen von ca. 8 Milliarden USD anwachsen. Das ist eine beachtlich hohe Zahl, wenn man bedenkt, dass bisher noch nicht genau nachgewiesen werden konnte, dass Brain Training überhaupt Wirkung zeigt. Auch wenn COSMOS hier zwar einen ähnlichen Service wie die kommerziellen Webseiten bietet, ist und bleibt der Zugang selbstverständlich 100% gratis. Der Mehrwert liegt darüber hinaus vor allem darin, dass zusätzliche Daten für die Wissenschaft generiert werden.

Die Versuchsteilnehmer*innen merken dabei nicht automatisch, welche psychologischen Konzepte gerade getestet werden: Für sie sollte auch der Unterhaltungswert und das Spielen im Vordergrund stehen.  Die Teilnehmer*innen erhalten übrigens auch Rückmeldung über die Resultate der Tests. Sobald genügend Daten erhoben wurden, welche erste sinnvolle Gruppenvergleiche zulassen, wird den Teilnehmer*innen erlaubt, die graphische Darstellung der Ergebnisse selbst zu erkunden. Hierbei können die Teilnehmer*innen wählen, ob sie sich mit bestimmten anderen Gruppen (z.B. definiert über Alter, Geschlecht oder Ausbildung) messen möchten oder lieber nur ihr eigenes Portfolio über die Zeit hinweg beobachten, um Trainings- und Lerneffekte zu verfolgen.

Weitere Spielkonzepte, welche Humor, Theory-of-Mind (die Fähigkeit, sich in andere hinein zu versetzen) und Fairness erheben, werden den Umfang in den kommenden Wochen und Monaten schrittweise ergänzen. Diese Spiele erlauben zudem den Einsatz von Fragen, welche in die Spielkonzepte integriert sind. Dadurch ermöglichen die Spiele auch, Informationen über die Teilnehmer*innen zu sammeln, wie sie sonst mit psychologischen Fragebögen erfasst werden. Natürlich wurde auch hier darauf geachtet, dass nicht nur bierernste und trockene Fragen verwendet werden, sondern auch solche zum Einsatz kommen, die Unterhaltungswert haben oder auch mal Anlass zum Nachdenken bieten. Das Online-Setup von COSMOS erlaubt, wie in einer Langzeitstudie, Verhalten mehrfach zu messen oder bei neuen Fragestellungen auf relevante vorherige Untersuchungen bei den selben Proband*innen zurückzugreifen. Auch wird durch die Erhebung einer sehr großen Stichprobe ermöglicht, zu überprüfen, ob Zusammenhänge nur bei bestimmten Subgruppen oder in der ganzen Bevölkerung auftreten.

COSMOS wurde zunächst entwickelt, um den Anforderungen von Forschungszweigen wie der Humangenetik Rechnung zu tragen, die aufgrund der kleinen Effekte einzelner genetischer Varianten hohe Versuchspersonenzahlen fordert, um erfolgreich sein zu können. Genetik ist hierbei eines der wichtigsten Werkzeuge, um schrittweise Einsicht in die Funktionsweise des menschlichen Gehirns zu erlangen. Sie ist allerdings darauf angewiesen, dass auch das zu untersuchende Phänomen psychologisch hinreichend gut gemessen und erfasst werden kann (und natürlich in genügend hoher Anzahl).

Dr. Christian Vogler ist leitender Wissenschaftler und Stratege bei COSMOS und sucht kontinuierlich nach neuen, interdisziplinären Ansätzen für die wissenschaftliche Arbeit.

Open Science

Open Science (auch: Offene Wissenschaft) ist ein Oberbegriff für verschiedene Strömungen, die darauf abzielen, Wissenschaft einer größeren Zahl von Menschen einfacher zugänglich zu machen. Dazu zählen einerseits Ansätze, die Ergebnisse möglichst offen zugänglich machen (etwa Open Access und Open Data). Andererseits kann darunter auch die Öffnung von wissenschaftlichen Prozessen verstanden werden (etwa durch Bürgerbeteiligung). Wichtig ist hier die Berücksichtigung des Datenschutzes, da aus gelieferten Daten keine Rückschlüsse auf einzelne Personen möglich sein dürfen.

Open Data

Als Open Data (wörtlich: offene Daten) werden Daten bezeichnet, die von jedermann ohne jegliche Einschränkungen genutzt, weiterverbreitet und weiterverwendet werden dürfen. Es gilt die Annahme, dass frei nutzbare Daten zu mehr Transparenz und Kooperation führen.

Citizen-Science

Mit Citizen Science (wörtlich: Bürgerwissenschaft) wird eine Form der Open Science bezeichnet, bei der Projekte unter Mithilfe oder komplett von interessierten Laien ohne wissenschaftliche Erfahrung im jeweiligen Feld durchgeführt werden. Sie melden Beobachtungen, führen Messungen durch oder werten Daten aus. Einige Projekte wären ohne diese Beiträge nicht durchführbar, indem sie Aufgaben übernehmen, die sich nicht automatisieren lassen.

Selbstverständlich ist die online basierte Art der Datenerhebung mithilfe von Spielen aber auch von großem Vorteil für alle anderen Forschungszweige, die sich mit menschlichem Verhalten befassen und deren Fragestellungen in Spielszenarien übersetzbar sind. Insbesondere für die psychologische Forschung selbst ist diese Innovation interessant: Hier wird noch immer aktiv nach Lösungsstrategien für die Replikationskrise gesucht, die vor nicht allzu langer Zeit das gesamte Forschungsfeld erschüttert hat. 2015 haben Forscher*innen 100 psychologische Experimente wiederholt und konnten dabei in lediglich 39% der Fälle statistisch signifikante Unterschiede zwischen den Experimentalgruppen reproduzieren. Daher ist es offensichtlich, dass die psychologische Forschung ein Replikationsproblem hat. Ungenügende Stichprobengrößen sind ein Hauptgrund für diese Problematik. Höhere Versuchspersonenanzahlen und weitere relevante Information, welche die Teilnehmer*innen genauer charakterisieren und daher bei der Datenauswertung sehr wertvoll sind, bieten hier einen vielversprechenden Ansatz. Für COSMOS gibt es daher keine genau bestimmte Zielgruppe: Menschen auf der ganzen Welt und jeden Alters können teilnehmen. Einzige Einschränkung ist derzeit, dass Deutsch oder Englisch verstanden wird, da die Seite bisher nur auf diesen beiden Sprachen angeboten wird. Für das COSMOS Projekt ist es sogar wünschenswert, dass die Teilnehmer eine möglichst hohe Bandbreite an verschiedenen Altersgruppen oder auch Ländern abdecken, da auf diese Weise aussagekräftigere und präzisere Normen für die entwickelten Tests in Spielform generiert werden können.

COSMOS ist ein Projekt, das auf der Kooperation verschiedenster Wissenschaftsbereiche aufbaut und daher den Grundsätzen von Open-Science, Open-Data und Citizen-Science verpflichtet ist. Dabei ist hervorzuheben, dass bei der Umsetzung des Projektes stets größter Wert auf den Datenschutz gelegt wird und sämtliche Daten automatisch komplett anonymisiert werden und auch nur auf Gruppenebene ausgewertet werden.

Für die Weiterentwicklung von COSMOS suchen wir die Zusammenarbeit sowohl mit Wissenschaftler*innen, die den Einsatz von digitalen Spielen für ihre eigene Forschung in Erwägung ziehen oder die mit den entwickelten Tools oder den erhobenen Daten eigene Fragestellungen beantworten möchten. Ebenso sind wir natürlich an Kooperationen mit Spielentwickler*innen interessiert, die ihre Fähigkeiten gerne einbringen, um ein neues Anwendungsfeld von digitalen Spielen zu erschließen. Neben der Zusammenarbeit mit anderen Forschenden und dem wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn stehen bei COSMOS natürlich auch die Teilnehmer*innen im Vordergrund: Ihnen möchten wir neben der Unterhaltung durch die Spiele freilich auch die Möglichkeit bieten, Einblicke in die Forschung zu bekommen und ihnen die Ergebnisse, die auf Grund ihres Einsatzes gewonnen werden konnten, erster Hand zugänglich machen.

Let the games begin:

cosmos.psycho.unibas.ch